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Der musikalische Fußabdruck

Die Digitalisierung hat den ökologischen Fußabdruck vergrößert. Auch wenn sich die Stromkosten für eine halbe Stunde Musik streamen jeden Tag offenbar auf nur 1 Cent belaufen, deutlich weniger als das Hören von Schallplatten und CDs. Berechnet hat das der Energiekonzern EON.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit geben wir hier einen Überblick über die uns bekannten Fakten, eine Link-Liste für vertiefte Informationen und formulieren die Fragen, die uns bewegen, auch wenn es – derzeit – noch keine Antworten dafür gibt. Die immense Zahl an Studien wird sicher in naher Zukunft Abhilfe schaffen.

Abfall vs. Stromverbrauch

Eine Studie der Universitäten Glasgow und Oslo untersuchte die Ökobilanz des amerikanischen Musikmarktes (1). Die veröffentlichten Zahlen verdeutlichen bereits die Problematik des Vergleichs durch die weitgehende Veränderung des Marktes.

Der Plastikverbrauch der Musikindustrie hat sich naturgemäß reduziert: Von 58 Mio. kg Plastik im Jahr 1977 und 61 Mio. kg im Jahr 2000 für CD-Verpackungen auf 8 Mio. kg im Jahr 2016.

Denn die aktuelle Schadstoffbelastung hat sich mit dem Markt geändert.

Weniger Plastik und kaum Müll, dafür ein wachsender Ausstoß von Treibhausgasen durch den exorbitanten Energieverbrauch: was wir nicht sehen, wird endlich auch durch die weltweiten Protestaktionen ins Bewusstsein gerückt. Speicherung und Verarbeitung digitaler Musik benötigt große Leistungs- und Energieressourcen und produziert mehr klimaschädliches CO2 als Schallplatte und CD. Der Energiebedarf digitaler Technologien soll heute ca. 4 % der weltweiten Emissionen ausmachen, das ist mehr als der zivile Luftverkehr erzeugt (2 %) (3). Kylie Devine von der Universität Oslo sagt, der genaue Stromverbrauch sei nicht genau zu bestimmen, für die Studie sei von einem durchschnittlichen Verbrauch von 0,03 Kilowattstunden pro gestreamtem Musikalbum ausgegangen (8).

Der meiste Strom wird nicht vom User verbraucht, sondern in der Cloud, in den Rechenzentren oder Serverfarmen. Dieser Energieverbrauch ist weit höher als für den Betrieb des individuellen Gerätes notwendig ist. Der Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen, der 1977 noch bei 140.000 Tonnen lag, wird aktuell auf 200.000 bis 350.000 Tonnen allein in den USA geschätzt. Das ist deutlich mehr als die 157.000 Tonnen, die im Jahr 2000 durch die CD-Produktion freigesetzt wurden (1). Zum Vergleich: Österreich produzierte 2016 79,7 Mio. Tonnen (12), Deutschland im Jahr 2015 798,4 Mio. Tonnen Treibhausgase (11).

Zum Strombedarf von Plattenspielern, CD-Playern samt herkömmlichen Verstärkern sowie vergleichsweise dem Strombedarf von Handys, Kopfhörern bzw plus Aktiv-Minibox scheint es keine Vergleichswerte zu geben.

Amazons Marketing-Offensive: „Vorreiter beim Klimaschutz“?

Die Greenpeace-Studie "Clicking Green" (2) von 2017 stellt Apple, Microsoft, Facebook und Google gute Noten für ihre Bemühungen um ein nachhaltigeres Internet aus. iTunes erhält die Note A, Soundcloud die Note F (7). Der Streaming-Dienst Spotify, bewertet mit Note D, wollte die CO2-Bilanz verbessern und ist deshalb 2018 in die Google Cloud umgezogen. Die Emissionen hätten sich dadurch bereits um fast 1500 Tonnen reduziert.

Kritisiert wird in der Greenpeace-Studie vor allem Amazon, der Marktführer für Cloud-Lösungen. Die Hälfte der Server von Amazon Web Services (AWS) stehen in der "Data Center Alley" nahe Washington, die größte und am schnellsten wachsende Konzentration von Rechenzentren weltweit (4).

Hauptenergielieferant Dominion Energy weist den mageren Anteil von 4% erneuerbarer Energien aus. Wegen des schnell wachsenden Verbrauchs ist offenbar eine Pipeline für Frackinggas aus West Virginia geplant. Frackinggas ist wegen massiver Umweltschäden bei der Förderung (vergiftetes Trinkwasser, Explosionen beim Duschen etc.) höchst umstritten. Auch Netflix läuft auf Amazon-Servern (4).

Laut FAZ vom 19.9.2019 (5) will Amazon jedoch plötzlich „Vorreiter beim Klimaschutz“ sein und bis 2040 ohne Einfluss auf den CO2-Gehalt der Atmosphäre arbeiten. Neben 100.000 Elektroautos bis 2030 soll die Energieversorgung der gesamten Infrastruktur bis 2030 zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Bis 2024 soll der Anteil der erneuerbaren Energien bei Amazon bei 80 Prozent liegen.

Die Vermutung, dass für die Giganten und speziell Jeff Bezos/Amazon klimaneutral nur dann gut ist, wenn die Unternehmen im eigenen Besitz sind, bestätigt die FAZ am 21.9. 2019. Die angekündigten 100.000 Elektro-Lieferwagen sollen vom Unternehmen Rivian kommen, das erst 2020 das erste Auto ausliefern will und vor zwei Jahren noch kaum 200 Mitarbeiter hatte. Mittlerweile gab es eine Investmentrunde in Höhe von 700 Millionen Dollar, angeführt von: Amazon. Auch Ford soll sich mit 500 Millionen Dollar beteiligt haben (15).

Auch Google nutzte die Klima-Proteste am 20. September für die Ankündigung, massiv in erneuerbare Energien zu investieren. Der laut Google-Chef Sundar Pichai „größte Einkauf von erneuerbaren Energien in der Geschichte“ ist ein Paket aus insgesamt 1600 Megawatt aus Amerika, Chile und Europa, eine Erhöhung des Portfolios an Wind- und Solarenergieverträgen um mehr als 40 Prozent auf 5500 MW“. Mit 100.000 Euro sollen zudem zwei Gesellschaften für erneuerbare Energien in Amerika und Europa mit insgesamt 100.000 Euro unterstützt werden. Das Geld solle für die Erforschung neuer Geschäftsmodelle und die Schulung von Verbrauchern genutzt werden (14). Google behauptet, seit 2007 CO2-neutral zu arbeiten. Seit 2017 beziehe der Internet-Konzern seinen gesamten jährlichen Stromverbrauch aus erneuerbaren Energien (14).

Serverfarmen können theoretisch heute bereits klimaneutral mit sauberem Strom betrieben werden. Wie ein Beispiel in Wien zeigt, wird die Abwärme von Serverfarmen zur Warmwasserversorgung und Beheizung ganzer Wohnblocks verwendet. Auch in Dresden gibt es eine Produktion von Computer-Containern. Sie sind mit Rechentechnik und Kühlsystemen ausgerüstet, lassen sich modular zu großen Rechenzentren zusammensetzen und sie heizen zusätzlich Häuser.

Zu diesem Thema gehört auch der Bereich der Chip-Herstellung (Materialien, seltene Erden etc.)

Offene Fragen zu Transport und Entsorgung

Die Belieferung von Handel und Einzelkunden scheint nicht in Hinsicht auf CO2 Belastung untersucht worden zu sein. Die vom Handel erzwungenen Retouren, das Repackaging und die erneute Auslieferung bzw. Vernichtung erzeugen zusätzlichen CO2-Ausstoß. LKW-Transporte werden zwar derzeit nicht, könnten aber auch CO2-neutral abgewickelt werden, politischer Druck vorausgesetzt.

Welche Kosten entstehen bei der Entsorgung von Tonträgern samt Verpackungen? Vinyl ist ein reines Erdölprodukt. Die Entsorgung von CDs ist ein Mehr-Stufen-Modell: das Booklet ist Altpapier, die Plastik-Box kann in den Restmüll. Die Scheibe selber aber ist Sondermüll und gehört in die Wertstoffsammlung.

Interessant in der oben angeführten Uni-Studie sind die Kosten für den Zugang zu Musik, die erstaunlich stabil geblieben sind. 1907 wurde $13,88 für einen Plattenspieler verlangt. 1977 kostete ein Vinyl-Album $28,55; $21,59 war für eine CD im Jahr 2000 zu bezahlen. 2013 konnte für $11,11 ein MP3-Album heruntergeladen werden.

Offline gehen könnte helfen

Eine Lösung wäre offline Musik hören und durch Downloads das dauernde Streamen zu unterbrechen oder auch das Eintippen von Suchbegriffen statt KI-Sprachassistenten zu verwenden. Doch dies ist nicht im Interesse der Anbieter, denn der Profit liegt weniger im Streamen als in der lukrativen Verwertung der gesammelten Daten während jener Zeit, die Nutzer auf Seiten und Apps verbringen (4). Bei allgemeinen Tipps zu klimaneutralem Verhalten wird Internet – und damit auch Musikkonsum nicht thematisiert (16). Allgemeine Tipps verspricht das Buch zweier Wirtschaftswissenschafts-Studenten, die sich selber die Antworten auf ihre Fragen zum Thema gegeben haben: David Nelles, Christian Serrer: Kleine Gase – Große Wirkung. Der Klimawandel (19).

Aussicht

„Jeden Tag werden umgerechnet einhunderttausend Jahre Youtube geschaut“, sagt der Techniksoziologe Sühlmann-Faul. Und: „Wer eine Stunde in High Definition streamt, verbraucht drei Gigabyte an Daten.“ Wem es vorrangig um die Musik geht, sollte Tracks über Musik-Plattformen anhören. Das spart CO2 und entlohnt die Urheber höher als Youtube. Vergleiche zum Verbrauch listet der Artikel „Ist Netflix schlecht für die Umwelt? Wie Video-Streaming den Klimawandel anheizt“ auf (18).

Bei gleichbleibendem Verbrauch werden 2015 acht Prozent der Treibhausgasemissionen auf das Konto der Internet-Branche gehen, sagt eine Prognose. Das ist so viel wie derzeit alle PKWs und Motorräder weltweit ausstoßen (3).

Dass die Nutzung des Internets, wofür auch immer, den ökologischen Fußabdruck nachhaltig vergrößert, ist den meisten Nutzern nicht bewusst. Die kritische Betrachtung und Reduzierung des eigenen Internet-Konsums ist unabdingbar, wenn es wirklich ums Klima gehen soll. Auch die Politik ist gefragt, müsste Anreize geben und Rahmenbedingungen schaffen. „Die Digitalisierung aller Lebensbereiche auf Teufel komm raus ist auf jeden Fall nicht die Lösung“, sagt Sühlmann-Faul (3/18).

Links:

1 Studie: Music consumption has unintended economic and environmental costs

2 Greenpeace: Clicking clean: Who is winning the race to build a green internet?

3 ORF: Wie Streaming das Klima belastet

4 Süddeutsche Zeitung: Wie das Internet Strom frisst

5 FAZ: Amazon will CO2-Neutralität bis 2040 erreichen

6 Blog Mensch, Klima, Umwelt: Musikstreaming ist fürs Klima schädlich

7 bento: Richtig gehört: Spotify und iTunes schaden dem Klima

8 Deutschlandfunk Kultur: Schmutziger als LPs und CDs

9 musikexpress: Warum Musikstreaming schlecht fürs Klima ist

10 heise online: Technology Review: Die Kosten der Musik

11 Umweltbundesamt DE: Treibhausgas-Emissionen in Deutschland

12 Umweltbundesamt AT: Treibhausgas-Emissionen: Umweltbundesamt veröffentlicht Klimaschutzbericht

13 Umweltbundesamt AT: Klimaschutzbericht 2016

14 FAZ: Google will in erneuerbare Energien investieren

15 FAZ: Bei wem kauft Jeff Bezos da eigentlich 100.000 Elektrolieferwagen?

16 Frankfurter Rundschau: So kann man seine persönliche CO2-Bilanz verbessern

17 Deutsche Welle: Ist Netflix schlecht für die Umwelt? Wie Video-Streaming den Klimawandel anheizt

Print:

18 Sühlmann-Faul, Felix und Rammler, Stephan: Der blinde Fleck der Digitalisierung. Wie sich Nachhaltigkeit und digitale Transformation in Einklang bringen lassen. Oekom Verlag München 2018.

19 Nelles, David und Serrer, Christian: Kleine Gase – Große Wirkung. Der Klimawandel. Selbstverlag (www.klimawandel-buch.de). 132 Seiten, 5 Euro.

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